Mit Schrotflinte und Warnweste auf der Jagd

Im Herbst beginnt die Jagdsaison, auch im Aargauer Wald müssen Treibjagden durchgeführt werden, um die Wildabschussquote zu erfüllen. Das Magazin „Tierwelt“ hat jetzt Jäger in Schrotflinte und Warnweste begleitet.

Auch auf der Jagd bitte nie ohne Warnweste (Foto: Rainer Sturm  / pixelio.de)

Auch auf der Jagd bitte nie ohne Warnweste (Foto: Rainer Sturm / pixelio.de)

An einem kühlen Spätherbsttag mit bedecktem Himmel geht es um 9 Uhr in der Früh los. Eine Gruppe von 24 Männern, einer Frau und drei Schweißhunden hat sich im Aargauer Dorf Kölliken auf einer Waldlichtung getroffen. Es ist die Jagdgesellschaft Kölliken West mit ihren geladenen Pirschgästen. Auf dem Programm steht Treib- bzw. Bewegungsjagd.

Die meisten haben wetterfeste braungrüne Kleidung und einen Hut angezogen, außerdem eine Warnweste. Hinten hängt die Schrotflinte, vorne tragen einige ein antiquiertes Jagdhorn. Die Treiber tragen eine orangene Warnweste, aus Sicherheitsgründen muss auch der Reporter der „Tierwelt“ die Warnweste überziehen.

Dass 2014 in besagtem Revier 19 Rehe geschossen werden müssen, hat der Kanton Aargau festgelegt. Zum Zeitpunkt der Treibjagd liegt die Quote der geschossen Rehe aber erst bei zwölf, bis Ende des Jahres müssen bei den verbleibenden Jagden noch sieben Tiere geschossen werden. An diesem Jagdtag werden insgesamt vier Bewegungsjagddurchgänge bzw. Triebe durchgeführt.

Jagdleiter Paul Antenen gibt bei seiner kurzen Einführung noch wichtige Informationen Preis, zum Beispiel dass die Sicherheit das oberste Gebot biete. „Da ihr eine Waffe in der Hand habt, müsst ihr wissen, damit auch verantwortungsvoll umzugehen. Es wird nur geschossen, wenn das Wild nicht mehr als 30 m entfernt steht.“ Anschließend rufen sich die Jagdteilnehmer noch ein Waidmannsheil zu, teilen sich in Gruppen auf und starten.

Eines der Teams wird von Antenen angeführt, es geht durch schlammige Waldwege sowie über Stock und Stein zu einem weiteren Waldweg hinauf. Die Jagdmannschaft bleibt immer wieder stehen, von Antenen bekommt einer der Jäger einen Posten zugewiesen, was auf Jägerlatein als „Anstellen“ bezeichnet wird. „Beim Jagen ist auf Disziplin zu achten, der zugewiesene Ort darf vom Jäger nicht verlassen werden. Wer sich nicht daran hält, wird sofort nachhause geschickt“, verrät Antenen.

Am Ende der Reihe ist nur noch der Jagdleiter übrig, der seinen einbeinigen Jägerhocker auf klappt, absitzt und sich in Stellung bringt. Überall ertönen Hornsignale, auch Antenen setzt sein Horn an und quittiert mit einem sauberen Stoß. Das Signal zeigt an, dass der erste Trieb angefangen hat, erst danach dürfen Schüsse abgegeben werden. Der Jäger muss nun wachsam sein und abwarten. Es geht bei der Treibjagd darum, durch Fährtenhunde und die Treiber das Wild aus ihren Verstecken zu locken, so den Jägern vors Gewehr zu treiben.

Im Herbst und im Winter wird diese Jagdform im Unterschied zur Einzeljagd in die Tat umgesetzt. Antenen: „Jedes Jahr muss der Wildbestand nach unten geschraubt werden, sonst bleibt er nicht gesund. Auch die nachwachsenden jungen Bäume würden sonst zu sehr unter dem Abnagen der Äste des Wildes leiden. Rehe haben ferner keine natürlichen Feinde, sie würden sich ansonsten zu sehr vermehren.“

Natürlich gibt es auch Kritiker der Treibjagd, vor einigen Jahren wurde im Kanton Aargau eine Initiative gegründet, weil viele Tierschützer die Treibjagd als Tierquälerei ansehen. Jagdleiter Antenen erwidert, dass der Respekt vor den Tieren sehr wichtig sei, jedes Reh solle die Chance haben, bei einer Treibjagd dem Flintenlauf zu entkommen. „Kommt das Wild jedoch in die richtige Schussdistanz, soll auch geschossen werden“, so Antenen.

„Wir schießen bei der Bewegungsjagd nur mit Schrot. Natürlich kommen auch Fehlschüsse vor. Wenn das Wild verletzt worden ist, trotzdem aber noch flüchten kann, müssen wir eine Nachsuche durchführen. Dies geschieht mit den Schweißhunden, damit wir das Tier finden und es von seinem Leid erlösen.“ Schweiß ist übrigens das austretende Blut des Wildes.

Im Wald hört man jetzt die Treiber, wie sie laut  „hollleien“ und rufen, die Hunde bellen. Damit soll das Wild aus den Verstecken gelockt werden. Da nichts passiert, erfolgt nach rund 40 min das Abhornen. „Jetzt darf niemand mehr schießen, es sei denn er hat eine gute Erklärung dafür“, sagt Antenen. Er war früher Aargauer Stadtförster und die geht seit 30 Jahren auf die Jagd. Essenziell seien Ordnung und Disziplin, da es ansonsten gefährlich werde.

Der Autor der Zeilen schließt sich beim zweiten Trieb mit Warnweste den Treibern an, jetzt geht es durch unwegsames Unterholz und dicht gewachsene Tannenhaine den Hang hinunter. Dabei ist die Stolpergefahr groß, gegen wehrhafte Zweige müssen sich die Treiber durchsetzen, um sich nicht ihr Gesicht zerkratzen zu lassen.

Fünf Treiber machen einen enormen Lärm, doch auch das bringt keinen Erfolg. Es kommt kein Wild in Sicht, die Jäger haben auch diesmal kein Erfolgserlebnis zu verzeichnen. Zu Mittag gibt es die Zwischenverpflegung (im Jägerlatein Zwischenaser genannt), die Jagdgesellschaft stärkt sich mit frischem Brot und heißer Bouillon. Am dritten Trieb nimmt auch Heinz Hulliger teil, er ist Wildhüter des Waldstücks in Köllike, in dem die Jagd stattfindet, zudem einer der Pächter, der seit Jahrzehnten mit Leidenschaft auf die Jagd geht. Er findet es angenehm, ein Ziel in der Gemeinschaft zu erreichen.

„Es ist außerdem schön, dass wir draußen in der Natur sind. Kritiker lade ich immer zu einem Jagdtag ein, damit sie sich davon selbst einmal ein Bild zeichnen können.“ Gegen 13 Uhr geht dann plötzlich ein Schuss los, kurz danach vernimmt man ein Horn. Jetzt lacht Hulliger und erklärt: „Es wurde endlich ein Tier erlegt!“ Es wird die einzige Beute des heutigen Jagdtages bleiben, danach geschieht nichts mehr.

Um 15 Uhr wird der wohl verdiente Aser eingenommen, die Hauptmahlzeit. Pächter Geri Meier hat auf einer kleinen runden Waldlichtung ein prächtiges Lagerfeuer in Gang gebracht, das erlegte Reh wird an einem Haken fixiert und von Jagdgruppenteilnehmer Peter Egger in fachmännischer Art und Weise zerwirkt, also zerlegt und ausgenommen. Natürlich nichts für zarte Seelen, eine blutige Angelegenheit. Appetit anregend ist auch der Anblick der Innereien nicht unbedingt.

Egger stellt fest, dass man das sofort machen müsse, schließlich setze der Verwesungsprozess sehr schnell ein. Anschließend wird das Wild von Egger in Stücke zerteilt. Das Reh wird zuvor jedoch als letzte Ehre auf einem Tannenzweigbett drapiert, in das Maul, den Äser hat man einen kleinen Ast gelegt. Rund herum versammelt sich die Gruppe um die Beut.

Paul Antenen bedankt sich für den Einsatz seiner Jäger und ergänzt: „Zum Glück hatten wir auch den Wettergott auf unserer Seite, schließlich war vom angekündigten Regen nichts zu sehen.“ Eine kleine Kostprobe ihrer Musikalität geben dann auch noch die Bläser ab. Ihr mitgebrachtes Fleisch packen die anderen Teilnehmer nach dem feierlichen Requiem auf den Grill. Sehr wichtig sei der gesellschaftliche Aspekt und das pflegen der Kameradschaft, unterstreicht Antennen.

Die Atmosphäre ist gemütlich, die Dämmerung setzt langsam ein, das Feuer hellt trotz der mäßigen Beute die zufriedenen Gesichter der Jäger auf. Bis Jahresende gibt es dann noch 3-4 weitere Triebe, die Quote muss schließlich erfüllt werden.

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Zubehör abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.