Journalisten in Warnwesten tragen rassistische Leserbriefe vor

Das Lachen verstummt bei Sätzen wie „Sogar Hitler hatte mehr Ahnung vom Fußball!“ An einen Fastnachtabend, der aus dem Ruder gelaufen war, hat jetzt die kleine Bühne des Rüsselsheimers „Rind“ erinnert, schreibt das „Rüsselsheimer Echo online“.

"Hate Poetry": die antirassistische Lese-Show

„Hate Poetry“: die antirassistische Lese-Show

 

Übersät waren die Bretter, die die Welt bedeuten, mit Fotografien, Flaggen, Gebetsteppichen, Plastiktüten und Konfetti. Bilder von Mustafa Kemal Atatürk, Pierre Vogel, Bushido, Thilo Sarrazin und Claudia Roth, so dass bei „Hate Poetry“ erst einmal alles nach einem Riesenchaos ausschauen.

An manchen Abenden hat die antirassistische Lese-Show bis zu acht Teilnehmer, wegen der beengten Verhältnisse sind ins „Rind“ jedoch nur vier gekommen, neben Moderatorin Doris Akrap noch Deniz Yüzel, Mely Kiyak und Özlem Topcu. Yücel startet mit einem Augenzwinkern und erklärt: „Da es nur Probleme mit denen gibt, haben wir die Araber zuhause gelassen.“ Ein kleiner Seitenhieb auf die Kollegen, aber der Rest des Abends wird damit verbracht, die deutsche Fremdenfeindlichkeit genüsslich durch den Kakao zu ziehen.

Die Berliner Autorin Ebru Tasdemir hatte die Idee, nicht betroffen zu schweigen, sondern über Rassisten zu lachen. Jetzt tourt das „Hate Poetry“-Ensemble seit fast drei Jahren durch Deutschland. Dabei ist das Konzept einfach wie genial, denn deutsche Journalisten fremdländischer Herkunft lesen innerhalb eines Wettbewerbs rassistische Leserbriefe vor, die an sie gerichtet sind. Dabei tragen sie Warnwesten. Hasnain Kazim bringt es auf den Punkt, „schließlich wollen wir mit diesem Dreck nicht mehr länger alleine sein.“ Preise gibt es auch zu gewinnen, zum Beispiel die Warnweste mit der Aufschrift „Sharia Police“, irgendwie will die aber keiner haben.

Mit einer Zuschrift von Holger aus Frankfurt bezüglich der Kopftuch-Thematik startet Mely Kiyak in den Wettbewerb: „Muslimische Türkin bleibt muslimische Türkin – ob mit Hirnwindel oder ohne.“ Deniz Yücel („Penis-Deniz“, „Drecksmohammedaner“) erwidert mit Mitleid erregender Post an die Redaktion der Berliner Tageszeitung „taz“: „Wann schneidet die ‚taz‘ dem Yücel endlich die Eier ab?“. Ein typischer Leserbrief an den gebürtigen Flörsheimer wird so eröffnet: „Schön, dass sie zwischen zwei Ehrenmorden Zeit für eine Kolumne finden.“

Unfreiwillig komisch ist ein anderer: „Sogar Hitler hatte mehr Ahnung vom Fußball.“ Hingegen fragt Heinz Wilhelm B.: „Sollte Herr Yücel den Sprung von der Eselskarre zur E-Klasse nicht verkraftet haben?“ Ein weiterer Leser sucht Trost über Yücels ungeliebte Texte mit dem Sinnieren „über die Schönheit Deutschlands“.

Darf denn über Fremdenfeindlichkeit gelacht werden? Zum Beispiel, wenn Leserin Liane an Özlem Topcu schreibt, dass sie ihr ehemaliges Heimatgefühl nicht mehr besitze, da in jedem kleinen Dorf nun Ausländer seien? Dabei habe sie, also Liane, doch noch nie etwas gegen Ausländer gehabt… Im Publikum kommt großes Gelächter auf.

Rassisten tummeln sich augenscheinlich nicht nur unter den Lesern der linksalternativen „taz“, sondern auch bei der „Zeit“. „Zeit“-Autorin Topcu allerdings konstatiert, dass die Leser ihrer Zeitung anspruchsvoller hassten. Pseudowissenschaftliche Ausführungen bezüglich der Überlegenheit der deutschen Kultur, Vorurteile und grobe Beleidigungen („…die dumme Trulla mit ihrer Knoblauchkultur…“) changieren hier.

Dabei sei das Leserbrief-Business eine Männerdomäne. Seit Jahren wird sie von Häftlingen, Lehrern und Professoren beschimpft. Sie sei doch hochkarätig geistesgestört,, heißt es da beispielsweise. Andere wiederum fordern in schöner Regelmäßigkeit ihre Absetzung oder ihren Rücktritt, „so als wenn ich der Bundespräsident wäre“.

Leseempfehlungen gibt es auch hinsichtlich einer Verbesserung ihres „lyrischen Ausflusses: „Üben, üben, üben“. Und wegen ihrer Texten kündigte ein „Titanic“-Stammleser sogar sein Abonnement bei der Satirezeitschrift. „Ich habe doch noch nie für die geschrieben.“ Ein anderer Leser empfahl ihr die Lektüre der „Bild“-Zeitung („Es geht auch sachlich!“), darauf schrieb Kiyak zurück: „Sie sind primitiv wie eine Schüssel Pudding!“ Jetzt johlen die Zuschauer.

Auch, als es nach einer langen Leserbrief-Hasstirade heißt: „Sind Sie, wie ich auch, immer mal wieder in psychiatrischer Behandlung?!“ Zum Journalismus gehöre natürlich Kritik, sagt Yücel. „Denn wir sind manchmal auch nicht zimperlich und ich bin ein leidenschaftlicher passionierter Provokateur. Doch mancher Leserbrief übersteigt Maß und Mitte.“ Beispielsweise wenn Yücel bedroht wird: Da wird der „türkischen Olivenfresse“ z.B. ein „Kopfschuss“ versprochen. Oder „Auch Sie, Herr Yücel, gehören zu Deutschland – noch“. Es hieß auch schon, dass Kiyak in die Gaskammer gehöre und für dieses Land kein genormtes Lebewesen darstelle. Ein Fall für den NSU sei diese „Dreckstürkenschlampe“.

Ein paar Zuschauer kichern noch, doch eigentlich ist den meisten Zuhörern das Lachen im Halse stecken geblieben. Schließlich hatte die rechtsextreme Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zwischen 2002 und 2007 neun Gewerbetreibende ausländischer Herkunft ebenso ermordet wie eine Polizistin. Ratlose Gesichter sieht man am Ende der dreistündigen „Hate Poetry“-Veranstaltung, Yücel fragt noch: „Warum eigentlich haben Sie die ganze Zeit gelacht?“ Niemand kann diese Frage so recht beantworten. Der Befund ist eben deprimierend, Rassismus ist allgegenwärtig und Rassisten fühlen sich relativ stark. Vielleicht muss man mehr tun als sie nur aus zu lachen!

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